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Wahnsinnig guten ÖPNV gibt es nur billig.

Wahnsinnig guten ÖPNV gibt es nur billig.

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7. September 2022
Allgemein, Blogbeitrag von Oliver Bayer, ÖPNV, Verkehr
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Selbst ein bundesweites 49- oder 69-Euro-Ticket wäre ein Gamechanger für den ÖPNV, denn das wäre die faktische Abschaffung der Tarifgrenzen. Wer das Geld hat, könnte sich ein Ticket kaufen – ohne ein dreijähriges Tarifstudium absolviert zu haben.

Das heißt allerdings auch: Wer das Geld nicht hat, bleibt außen vor oder kann nur jeden zweiten Monat am sozialen Leben teilnehmen und notwendige Fahrten erledigen. Oder kann das Angebot gar nicht nutzen, weil es das womöglich nur im Abo gibt.

Und wer das Geld hat, wird dennoch nicht 49 Euro pro Monat auf Verdacht ausgeben. Bei geringer Attraktivität des ÖPNV und einem bequemen Auto vor der Tür, sind auch 49 Euro zu viel. Das Auto mag Haushalte wie Gesellschaft ein Vielfaches kosten, aber solange es da ist, ist es da – bis es vielleicht irgendwann nicht mehr ersetzt wird, weil bis dahin der ÖPNV so wahnsinnig gut geworden ist.

Wie wird der ÖPNV wahnsinnig gut?
Durch einen deutlich niedrigeren Preis oder den kompletten Verzicht auf Fahrscheine.

Ein niedrigerer Preis generiert Nachfrage. Nachfrage wird nicht nur benötigt, damit Leute (langfristig) auf ihr Auto oder zumindest Zweitwagen verzichten, sondern um überhaupt das ÖPNV-System erst einmal attraktiv genug zu machen. Bisher gab es mangels Attraktivität (sowohl preislich wie auch bzgl. Bequemlichkeit und Verfügbarkeit) nie genug Nachfragedruck, damit der ÖPNV ausgebaut und attraktiver gemacht werden kann.

Das Argument „bevor wir durch den Preis die Nachfrage erhöhen, müssen wir erst einmal den ÖPNV ausbauen“ wurde jahrzehntelang vorgetragen. Nur ausgebaut und attraktiver gemacht wurde der ÖPNV durch dieses Argument nie. Die These, dass erst einmal ausgebaut werden müsse, wurde vielfach widerlegt. So funktioniert Politik nicht.

Erst mit entsprechender Nachfrage werden die Kapazität, die Verfügbarkeit und die Bequemlichkeit des ÖPNV massiv steigen. Der Ausbau kostet Geld. Dennoch hängt der Preis pro Person für den ÖPNV von der Anzahl der Nutzenden ab und je mehr Leute den ÖPNV nutzen, desto besser UND billiger wird der ÖPNV.

Was wäre, wenn wie beim Rundfunkbeitrag alle zahlen müssten, damit alle den ÖPNV ohne Fahrschein nutzen dürften?
Die Kosten pro Person und Monat lägen dann bei 15 bis 20 Euro* (ohne Sonderfälle) – zusätzlich zu den bestehenden Subventionen.

Die Piraten kamen in ihren Studien auf unterschiedlich hohe Kosten für ein Bürgerticket bzw. „Bus und Bahn fahrscheinfrei“, weil unterschiedliche Annahmen zugrunde gelegt wurden, wer nicht zahlen muss oder Ermäßigungen erhält (Kinder, bei SBG II, bei fehlender ÖPNV-Anbindung etc.).

*) Durschnitt pro Person (inkl. Kinder etc.) – aus der Machbarkeitsstudie NRW. Die detailliertesten Zahlen hat die Berliner Studie. Beide finden sich auf: https://fahrscheinfrei.de

In Flächenländern ist es aus Verflechtungsgründen schwer, Kosten zu evaluieren. ÖPNV-Tarife sind politische Tarife. Durch den Ticketpreis lässt sich nicht auf die betriebswirtschaftlichen Kosten schließen. Teure (Einzel-)tickets sind nicht nur wichtig, um Abokunden zu rekrutieren, sondern auch, um die Nachfrage zu kappen oder hohe Erstattungen vom Land für Behindertenfreifahrten oder Ausbildungsverkehr zu rechtfertigen.

Nur eines ist sicher: Der aktuelle Lock-In zugunsten des Autoverkehrs ist für alle deutlich teurer.

Jahrzehntelang galt in der Politik der massive Ausbau des ÖPNV als unrealistische Träumerei; die Nachfrage massiv zu erhöhen, als Todsünde. Noch nie waren wir so nahe dran, die Todsünde in eine Tugend zu verwandeln und uns langfristig den Traum einer Verkehrswende zu erfüllen.

Es wäre da doch schade, sich mit einem einfachen Gamechanger zufrieden zu geben. Dass selbst dieser zunächst noch den Spießrutenlauf der Bund-Länder-Zuständigkeit überstehen muss, ist leider kein gutes Zeichen.

Leicht erweiterte Version meines Facebook-Posts vom 04.09.2022.

Von 2012 bis 2017 war ich Sprecher der Piraten im Verkehrsausschuss des Landtags NRW und von 2014 bis 2017 Vorsitzender der Enquetekommission zur Finanzierung, Innovation und Nutzung des Öffentlichen Personenverkehrs. Während dieser Zeit haben wir uns in einem spezialisierten Team intensiv mit der Finanzierung des ÖPNV und der Realisierungsmöglichkeit eines fahrscheinfreien Nahverkehrs beschäftigt.

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